Startseite ● Kreatin fürs Gehirn: Effekt fraglich Kreatin fürs Gehirn: Effekt fraglich Kreatin soll die geistige Leistungsfähigkeit steigern sowie Gedächtnis und Konzentration verbessern, wird oft behauptet. Doch dafür gibt es keine Belege. 12. Mai 2026 AutorIn: Bernd Kerschner Review: Jana Meixner Teilen Teilen × Wähle einen Dienst. Es werden keine Social-Plugins geladen. WhatsApp Bluesky Facebook LinkedIn Link kopieren Steigert die Einnahme von Kreatin die geistige Leistungsfähigkeit? wissenschaftliche Belege fehlen Bisher gibt es keine Forschungsergebnisse, die solche Behauptungen von Influencern und Herstellern stützen. Bisherige Studien dazu haben große Mängel und kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Ihre Aussagekraft ist zu gering, um Hinweise auf eine Wirksamkeit von Kreatin geben zu können. so arbeiten wir Oft wünschen wir uns mehr Konzentration ©Ridofranz – istockphoto.com Kreatin ist von Natur aus in Fleisch und Fisch enthalten. Unser Körper kann es aber auch selbst herstellen. Manche Sportlerinnen und Sportlern nehmen Kreatin zusätzlich als Nahrungsergänzungsmittel zu sich, weil sie sich davon eine bessere Leistung erhoffen. Beispielsweise bei Kraftsport scheint das tatsächlich ein wenig zu funktionieren. Kreatin soll aber noch mehr können: Auf Social Media und Hersteller-Webseiten wird behauptet, dass die Substanz auch eine positive Wirkung auf das Gehirn habe: Es soll die geistige Leistungsfähigkeit steigern, und Gedächtnis und Konzentration verbessern. Viel Forschung, aber keine Belege Wir haben uns die bisherige Forschung dazu genauer angesehen. Zwar haben wir 18 Studien gefunden, die die Auswirkung von Kreatin auf das Gehirn untersucht haben [Quellen 1-4]. Aber selbst 18 Studien können keinen Antworten liefern, wenn sie sich stark widersprechen und kein klares Bild liefern. Außerdem haben viele der Studien grobe Mängel. Welche das genau sind, beschreiben wir weiter unten im Abschnitt „Die Studien im Detail“. Es gibt also keine Belege dafür, dass Kreatin Gedächtnis und Konzentration verbessert oder die geistige Leistungsfähigkeit fördern kann. Zu dieser Einschätzung kommt auch die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA in einer aktuellen Studienanalyse [Quelle 5]. Deshalb dürfen Hersteller in der EU auch nicht mit einer angeblichen positiven Wirkung auf das Gehirn, die Konzentration oder das Gedächtnis werben. Relativ sicheres Nahrungsergänzungsmittel für Erwachsene Immerhin haben Fachleute der EFSA keine Sicherheitsbedenken, sofern die tägliche Kreatin-Dosis aus Nahrungsergänzungsmitteln 3 Gramm nicht übersteigt [Quelle 6]. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten. So gibt es Berichte über Muskelkrämpfe und Verdauungsbeschwerden, auch wenn nicht gut erforscht ist, wie häufig sie auftreten [Quellen 1,7]. Nicht bestätigt haben sich in bisherigen Forschungsarbeiten Befürchtungen, wonach Kreatin die Nieren schädigen könnte – zumindest nicht bei Gesunden [Quelle 1]. Bei Mengen über 3 Gramm täglich sind mögliche Nebenwirkungen nur unzureichend erforscht. Zwar traten in den analysierten Forschungsarbeiten keine Gesundheitsprobleme auf, wenn die Teilnehmenden bis zu 20 Gramm pro Tag einnahmen. Die Studienlaufzeit war jedoch mit einigen Tagen bis Wochen kurz. Ob solch hohe Mengen auch langfristig sicher sind, lässt sich bisher nicht beantworten. Ebenfalls nicht gut erforscht sind die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche – weder positive noch negative [Quelle 7]. Energie für die Muskeln Im Gehirn befindet sich nur sehr wenig Kreatin. 95 Prozent des im Körper vorhandenen Kreatins steckt in den Muskelzellen [Quelle 7]. Dort hilft es den Muskeln dabei, rasch Energie bereitzustellen. Sind diese durch starke Anstrengung ermüdet, kann die Einnahme von Kreatin helfen, die Muskeln schneller wieder einsatzbereit zu machen [Quelle 7]. Bei kurzer Anstrengung – etwa beim Kraftsport – scheint die Einnahme von Kreatin die Muskelkraft erhöhen zu können. Durch zusätzliches Kreatin lagern die Muskeln mehr Wasser ein – und das führt zu einer leichten Gewichtszunahme. Über die Nahrung nehmen wir rund 2 bis 3 Gramm Kreatin zu uns. Fleisch und Fisch enthalten besonders viel Kreatin. Doch wer sich vegetarisch ernährt, riskiert trotzdem keinen Mangel. Denn der Körper stellt die Substanz auch selbst her – bis zu 2 Gramm pro Tag [Quellen 6,7]. Als Nahrungsergänzung haben die meisten Forschungsarbeiten Kreatin in Form von Kreatin-Monohydrat untersucht. Verkauft wird Kreatin auch in anderen Zusammensetzungen. Für diese ist die Wirkung jedoch unzureichend erforscht [Quelle 7]. Die Studien im Detail Nach welchen Studien haben wir gesucht? Ob Kreatin die geistige Leistungsfähigkeit erhöht, lässt sich aussagekräftig nur in einer randomisiert-kontrollierten Studie untersuchen. Dazu wird eine große Anzahl an Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip (randomisiert) einer von zwei Gruppen zugeteilt: Die Kreatin-Gruppe nimmt regelmäßig Kreatin ein – idealerweise in Form von Kapseln. Die Kontrollgruppe nimmt Placebo-Kapseln, also gleich aussehende und gleich schmeckende Kapseln ohne Kreatin. Idealerweise weiß bis zum Ende der Studie niemand, wer Kreatin eingenommen hat und wer ein Placebo. Am leichtesten gelingt das, wenn Kreatin- und Placebo-Pulver in gleich aussehende Kapseln gefüllt sind. So kann man keinen Unterschied schmecken. Nur dann ist sichergestellt, dass nicht schon die Erwartung an einen Effekt zu einer Wirkung führt – dass das Ergebnis also nicht durch den Placebo-Effekt verzerrt wird. Aufschluss über eine mögliche Wirksamkeit gibt der Vergleich. Nur wenn die Kreatin-Gruppe bei Gedächtnis- und Konzentrationsaufgaben besser abschneidet als die Kontroll-Gruppe, wäre das ein Beleg für die Wirksamkeit. Wir haben zwei Forschungsdatenbanken nach solchen randomisiert-kontrollierten Studien durchsucht. Gefunden haben wir zwei Übersichtsarbeiten, die alle bis 2024 veröffentlichten Studien zusammenfassen [Quellen 1,2]. Zusätzlich sind wir noch auf zwei neuere Studien gestoßen [Quellen 3,4]. Wie aussagekräftig sind die Studien? Eine der beiden Übersichtsarbeiten [Quelle 1] fasst die Studienlage genau zusammen. Der Übersichtsarbeit zufolge sind die bisher veröffentlichten Studien zu wenig aussagekräftig, um eine positive Wirkung von Kreatin auf das Gehirn belegen zu können. Dafür gibt es mehrere Gründe: Widersprüchliche Ergebnisse: Einige Untersuchungen fanden keinen Effekt, in anderen zeigte sich jedoch eine positive Wirkung. Daher lässt sich weder belegen noch ausschließen, dass Kreatin einen positiven Effekt auf Gedächtnis oder Konzentration hat. Placebo-Effekt möglich: Bei einigen Untersuchungen haben wir den Verdacht, dass die Teilnehmenden bzw. das Forschungsteam wussten, wer Kreatin und wer das Placebo bekam. Die Erwartungen der Studienbeteiligten könnten daher die Ergebnisse beeinflusst haben. Möglicherweise beruht die scheinbare Wirksamkeit von Kreatin in diesen Studien daher nur auf dem Placebo-Effekt. Zufällige Zuteilung fraglich: Es ist unklar, ob die Teilnehmenden wirklich nach dem Zufallsprinzip den beiden Untersuchungsgruppen zugeteilt wurden. Nur eine zufällige Zuteilung stellt aber sicher, dass die beiden Gruppen fair vergleichbar sind, und sich nicht etwa schon vor Studienbeginn in wichtigen Merkmalen unterscheiden. Zu wenige Teilnehmende: Insgesamt nahmen an den analysierten Studien weniger als 300 Personen teil. Bei weniger als 300 Personen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Teilnehmenden stark von der Bevölkerung unterscheiden. So lassen sich die Ergebnisse nicht verallgemeinern. Der zweiten Übersichtsarbeit [Quelle 2] vertrauen wir nur bedingt. Darin hat das verantwortliche Forschungsteam die Studienlage in mehreren Analysen zusammengefasst. Nur eine einzige Analyse in dieser Übersichtsarbeit ist jedoch korrekt durchgeführt worden. Darin zeigt sich keine positive Auswirkung von Kreatin auf die geistige Leistung. Die beiden neueren Studien, die wir zusätzlich gefunden haben, tragen ebenfalls nicht zur Klärung bei. Eine findet einen positiven Effekt von Kreatin, die andere nicht. Beide Studien haben jedoch grobe Mängel, die ihre Aussagekraft schwächt: Zu wenige Teilnehmende: In der Studie mit dem scheinbar positiven Ergebnis nahmen nur 14 Personen teil – viel zu wenig, um das Ergebnis verallgemeinern zu können. Vorzeitig beendet: In der Studie, die keinen Unterschied zeigt, ist die Anzahl der Teilnehmenden mit 150 ausreichend groß. Allerdings beendete ein Drittel von ihnen die Studie vorzeitig und konnten für das Ergebnis nicht berücksichtigt werden. Das kann die Ergebnisse stark verzerrt haben. Wissenschaftliche Quellen [1] Crawford et al. (2021) Dietary supplement ingredients for optimizing cognitive performance among healthy adults: a systematic review. The Journal of Alternative and Complementary Medicine, 27(11), 940-958. (Zusammenfassung der Übersichtsarbeit) [2] Xu et al. (2024) The effects of creatine supplementation on cognitive function in adults: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Nutrition, 11, 1424972. (Übersichtsarbeit in voller Länge) [3] Maaoui et al. (2025) Effects of Creatine Monohydrate Loading on Sleep Metrics, Physical Performance, Cognitive Function, and Recovery in Physically Active Men: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Crossover Trial. Nutrients, 17(24), 3831. (Studie in voller Länge) [4] Fernandez-Garrido et al. (2026) Effects of high-load, velocity-intentional variable resistance training combined with creatine supplementation on neuroplasticity, oxidative stress, inflammation, physical function, cognitive performance and quality of life in older adults: A randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Experimental gerontology, 218, 113122. Advance online publication. (Studie in voller Länge) [5] EFSA (2024) Creatine and improvement in cognitive function: Evaluation of a health claim pursuant to article 13(5) of regulation (EC) No 1924/2006. EFSA Journal 22 (11). (Wissenschaftlicher Bericht in voller Länge) [6] EFSA (2004) Opinion of the Scientific Panel on Food Additives, Flavourings, Processing Aids and Materials in Contact with Food on a request from the Commission related to Creatine monohydrate for use in foods for particular nutritional uses. EFSA Journal 36, 1-6. (Wissenschaftlicher Bericht in voller Länge) [7] UpToDate (2026) Nutritional and non-medication supplements permitted for performance enhancement. Abgerufen am 7.5.2026 unter uptodate.com Versionsgeschichte 12.5.2026: Eine neue Literatursuche änderte trotz zwei aktuellerer Studien nichts an unserer Einschätzung 9.12.2024: Erste Version des Faktenchecks Schlagworte Gedächtnisgeistige Leistungsfähigkeitkognitive LeistungKonzentrationKreatinNahrungsergänzungNahrungsergänzungsmittel In über 600 Faktenchecks suchen Suchbegriff eingeben: Suchen