Sie sind alles andere als neu: Pulver und Tabletten, die ein langes, gesundes Leben versprechen. Früher waren es die Multi-Vitamintabletten, heute sind es neu entdeckte Substanzen wie etwa das Spermidin oder – ganz neu – das sogenannte Nicotinamid-Mononukleotid. Besser bekannt ist die Substanz unter der leichter zu merkenden Abkürzung „NMN“.
NMN ist eine Vorläufersubstanz von Stoffen, die in menschlichen Körperzellen eine wichtige Rolle als Energielieferanten spielen. Natürlicherweise kommt NMN zum Beispiel in unreifen Sojabohnen (Edamame), Brokkoli oder Gurken vor [2].
Als „Jungbrunnen“ in Pulver- und Kapselform soll NMN gesünder und vitaler machen, und das Leben verlängern – sagt zumindest die Werbung. Studien an Mäusen sollen Hinweise auf so eine Wirkung liefern [z.B. 3,6]. Aber reicht das aus, um dasselbe auch für Menschen zu behaupten?
Forever young? Voreilige Behauptungen rund um NMN
Die Behauptungen scheinen mehr als voreilig: Überzeugende Studien mit menschlichen Teilnehmenden konnten wir nicht finden. Nur zwei Studien haben überhaupt versucht, eine direkte Wirkung auf die Gesundheit zu untersuchen [1,2]. Dabei schätzten Teilnehmende sich selbst insgesamt gesünder ein, nachdem sie eine Zeit lang NMN in hohen Dosen eingenommen hatten. Beide Studien hatten aber nur wenige Teilnehmende und einige Mängel und Ungereimtheiten, die uns misstrauisch machen. (Mehr dazu im Abschnitt „Studien im Detail“.)
Lebensverlängernde Wirkung: Jahrzehnte lange Studien notwendig
Ob die regelmäßige Einnahme von NMN das Leben verlängern kann, bleibt vollkommen unklar. Das zu erforschen wäre allerdings auch gar nicht so einfach. Dazu wären sehr lang laufende Studien notwendig. Ob das Pulver tatsächlich hält, was Hersteller versprechen, könnten Studien also erst in Jahrzehnten beantworten. Sofern sie jemand durchführt.
Auch Sicherheit noch unklar
Nebenwirkungen wurden in den Studien [1,2] zwar keine beobachtet. Weil aber sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit der Einnahme noch unklar sind, darf NMN derzeit nicht als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden (Stand Februar 2024).
Auf vielen Anbieter-Seiten finden sich deshalb Hinweise wie dieser: „Bei NMN (Nicotinamid Mononukleotid) handelt es sich nach deutschem und europäischem Recht um eine Chemikalie, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist.“ [4] Eine Anwendung dürfe daher nur zu Forschungszwecken erfolgen. Bei vielen Anbietern im Internet fehlt dieser Hinweis jedoch.
Nicotinamid-Mononukleotid – was ist das eigentlich?
Jede Körperzelle braucht Energie. Diese Energie stellen verschiedene Energiespeicher-Moleküle zur Verfügung – eines davon heißt zum Beispiel NAD. Diese Energiespeichermoleküle müssen im Körper allerdings erst aus anderen Stoffen hergestellt werden. Und hier kommt NMN ins Spiel: Denn aus NMN stellt der Körper das Energiespeichermolekül NAD her [5]. Deshalb mutmaßten manche Forschenden, mehr NMN bedeute auch mehr Energie für die Zellen. Im Moment ist das allerdings nicht mehr als eine Theorie.
Vitale Mäuse: Kein Beweis für Wirkung im Menschen
In Versuchen an Mäusen beobachteten Forschende zwar, dass NMN deren Leistungsfähigkeit erhöhen und Alterserscheinungen verringern kann [2,3,6].
Das bedeutet aber nicht, dass das Schlucken der Substanz NMN auch die Leistungsfähigkeit der Menschen erhöht. Denn menschliche Körper sind anders als Mäuse-Körper. Und schon gar nicht lässt sich daraus schließen, dass NMN das Leben verlängern kann.
Derzeit nur Spekulation
Bei Menschen scheint mit steigendem Alter die Menge des Energiespeicher-Moleküls NAD im Blut immer mehr abzunehmen. Doch eine altersbedingt sinkende Menge rechtfertigt nicht den Umkehrschluss, mehr NAD im Blut könnten den Alterungsprozess aufhalten. Ebenso wenig wie das Färben von altersbedingt ergrautem Haar die Jugend zurückbringen kann.