Wien im Jahr 1901: Der österreichische Mediziner Karl Landsteiner veröffentlicht einen bahnbrechenden Artikel über seine Forschungsarbeiten. Er hatte beobachtet, dass sich in manchen Fällen Verklumpungen bilden, wenn man das Blut zweier Menschen mischt. In seiner Publikation vermutet er, dass es verschiedene „Blutgruppen“ geben müsse. Später identifiziert er Blutgruppen-Merkmale und bezeichnet sie mit A, B und 0. Einige Zeit später entdecken Landsteiners Mitarbeiter eine vierte Gruppe: „AB“.
Die Erkenntnisse Landsteiners und darauf aufbauende Forschungsarbeiten machten Bluttransfusionen erst möglich und retten vielen Menschen das Leben – denn die Gabe von nicht passendem Blut kann für den Empfänger tödlich enden. 1930 erhielt Landsteiner für seine Forschungsleistungen den Nobelpreis für Medizin [3].
Die Theorie hinter der Blutgruppendiät
Manchen Anhängern und Verfechterinnen alternativ-medizinischer Methoden zufolge sind die Kürzel A, B und 0 aber nicht nur bei Bluttransfusionen relevant. Seit mehreren Jahrzehnten kursiert auch die Theorie der Blutgruppendiät. Demnach soll es für jede Blutgruppe eine für die Gesundheit optimale Ernährungsweise geben. Menschen mit Blutgruppe 0 sollen sich der Theorie zufolge hauptsächlich von Fleisch ernähren, während bei Blutgruppe A eine vegetarische Ernährung das Beste sei. Milchprodukte seien bei Blutgruppe B vorteilhaft, bei Blutgruppe AB solle einer Mischung aus pflanzlicher Kost und Milchprodukten der Vorzug gegeben werden.
Diese Angaben werden angeblich aus der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen abgeleitet. Sie beruhen auf der Hypothese, dass Lektine, also Eiweiße, die in bestimmten Lebensmitteln vorkommen, mit gewissen Blutgruppen nicht verträglich seien. Daraus sollen sich Verklumpungen im Blut entwickeln, was zu einer Vielzahl an Krankheiten führe [2].
Für diese Annahmen gibt es jedoch keine wissenschaftliche Grundlage [4,5]. Schon von der Theorie her ist die Blutgruppendiät also nicht plausibel. Doch wie sieht es mit der Praxis aus? Bleibt man länger gesund, wenn man sich so ernährt, wie es der Blutgruppendiät entspricht?
Um das herauszufinden, bräuchte es Studien an ausreichend vielen Menschen, die anhand ihrer Blutgruppe in verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Im Idealfall würde man jeder Gruppe zufällig eine der vier propagierten Ernährungsformen zuteilen und dann über einen längeren Zeitraum beobachten, wie sich die Gesundheit entwickelt. So könnte man beispielsweise herausfinden, ob Menschen mit Blutgruppe AB tatsächlich mehr von einer Mischkost profitieren als Menschen mit Blutgruppe 0.
Belege? Fehlanzeige!
Genau solche Studien fehlen jedoch. Zu diesem Ergebnis kommen wir nach einer ausführlichen Literaturrecherche. Lediglich zwei Studien untersuchten ähnliche Fragestellungen: In einer davon testete ein Forschungsteam, ob die Blutgruppen des später entdeckten „MNS-Systems“ einen Einfluss darauf hat, wie sehr sich der Cholesterinspiegel durch eine bestimmte Diät senken lässt. Die MNS-Blutgruppen waren teilweise bereits von Landsteiner sowie später anderen Wissenschaftlern erforscht worden. Auch sie können bei Bluttransfusionen schwere Probleme verursachen. Die Ergebnisse der Studie zu MNS-Blutgruppen und Cholesterinspiegel sind wegen Qualitätsmängeln allerdings nicht verlässlich und beantworten auch nicht die Frage nach dem Nutzen der AB0-Blutgruppendiät [3].
Eine zweite Studie zeigte lediglich eine bedingt aussagekräftige Momentaufnahme [2]. Dabei erhoben die Forschenden die Ernährungsgewohnheiten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und berechneten anhand der Daten, inwieweit die Nahrungszufuhr den Vorschriften der Blutgruppendiät entspricht. Außerdem maßen sie verschiedene Größen wie Taillenumfang, Blutdruck oder Blutfettwerte. Dabei stellten sie zwar fest, dass einige der Ernährungsgewohnheiten wie viel Obst und Gemüse zu günstigeren Ergebnissen führen. Das ist allerdings wenig verwunderlich, entspricht eine Obst- und Gemüse-reiche Kost doch den Erkenntnissen für eine gesunde Ernährung [6]. Die Ergebnisse zeigten jedoch auch, dass die Auswirkungen der Ernährung auf die gemessenen Gesundheits-Parameter nicht davon abhingen, ob die Nahrung zur jeweiligen Blutgruppe passte. Die Autorinnen und Autoren kamen zu dem Schluss, dass ihre Ergebnisse gegen die Theorie der Blutgruppendiät sprechen.
Ein gesundheitlicher Nutzen der Blutgruppendiät ist also bis heute nicht nachgewiesen, obwohl entsprechende Ernährungsmuster bereits seit mehr als 20 Jahren propagiert werden.
Vielzahl an Blutgruppen
Seit der Entdeckung Karl Landsteiners Anfang des 20. Jahrhunderts wurden neben dem AB0-System rund 30 weitere Blutgruppen-Merkmale identifiziert, darunter der sogenannte Rhesusfaktor oder das bereits erwähnte MNS-Blutgruppen-System.
Inzwischen ist bekannt, dass Blutgruppen durch Moleküle entstehen, die sich auf der Oberfläche der roten Blutkörperchen befinden. Kommt das Blut einer Person mit dem einer für sie ungeeigneten Blutgruppe in Kontakt – etwa bei einer Bluttransfusion – so kommt es zu einer Immunreaktion. Dabei bildet das Immunsystem des Blutspendenempfängers Antikörper gegen die Moleküle auf den fremden roten Blutkörperchen, was zu einer gefährlichen Verklumpung des Blutes führen kann.
Die Blutgruppen-spezifischen Moleküle kommen auch auf anderen Körperzellen vor. Deshalb wäre es theoretisch denkbar, dass die Blutgruppe nicht nur bei einer Bluttransfusion eine Rolle spielt, sondern auch Auswirkungen auf Erkrankungen haben könnte. Die Studienlage ist in dieser Frage bisher jedoch unklar [1].