Ob im Auto, Bus, Flugzeug oder Schiff: Reiseübelkeit, auch bekannt unter Reisekrankheit, kann den schönsten Urlaub vermiesen. Typisch dafür sind etwa Übelkeit, Blässe, Schwindel und Erbrechen.
Verschiedene Medikamente sollen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gegen solche Beschwerden helfen. Arzneimittel mit dem Wirkstoff Dimenhydrinat etwa, der die Beschwerden dämpfen soll. Sie sind ohne Rezept in Apotheken erhältlich, in Form von Tabletten oder als wirkstoffhaltige Kaugummis.
Ein Leser wollte von uns wissen, wie gut Nutzen und Risiken von Dimenhydrinat bei Reiseübelkeit belegt sind.
Vergleich mit Placebo und Medikament
Um das herauszufinden, haben wir uns auf die Suche nach möglichst aussagekräftigen Studien gemacht. Bei unserer Recherche haben wir uns auf Studien konzentriert, bei denen die Reiseübelkeit unter realen Bedingungen untersucht wurde.
Außerdem sollten die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip auf die Studiengruppen verteilt sein. Berücksichtigt haben wir Vergleiche zwischen Dimenhydrinat und einem Scheinmedikament (Placebo) oder einem gut wirksamen Medikament gegen Reiseübelkeit.
Keine Einschätzung möglich
Obwohl Dimenhydrinat ein weit verbreitetes Medikament ist, haben wir erstaunlicherweise nur zwei Veröffentlichungen gefunden, die diesen Ansprüchen genügten [1,2]. Die insgesamt 96 Teilnehmerinnen und Teilnehmer absolvierten einen Testflug oder fuhren auf einer Yacht im Pazifik.
Laut Forschungsteams deutete sich zwar eine gewisse Wirksamkeit von Dimenhydrinat an: Demnach könnte es zwar schlechter als das Medikament Scopolamin wirken, aber immerhin besser helfen als ein Placebomittel.
Allerdings sind wir hier sehr skeptisch: Wir halten die Ergebnisse für so wenig aussagekräftig, dass wir eine Wirksamkeit weder belegt sehen noch diese ausschließen können.
Begründung der Unsicherheit
Wir begründen unsere Unsicherheit etwa damit, dass an den Studien zu wenige – nur knapp 100 – Personen teilgenommen haben und die Ergebnisse mit einer sehr großen Schwankungsbreite verbunden waren. Auch die Erhebung der Beschwerden erscheint uns nicht verlässlich, und wichtige Details zur Beurteilung der Aussagekraft konnten wir in den Studien nicht nachlesen. Außerdem ist uns nicht recht klar, ob die verschiedenen Gruppen zu Studienstart ähnlich genug für einen fairen Vergleich waren.
Etwas fraglich bleibt es insgesamt auch, wie verlässlich sich die Ergebnisse auf andere Situationen übertragen lassen, in denen Reiseübelkeit auftritt. So haben wir beispielsweise keine Studien finden können, die Dimenhydrinat bei Auto- oder Busfahrten oder auf größeren Schiffen getestet haben.
Nebenwirkungen möglich
Beide Publikationen [1,2] berichten übereinstimmend über unerwünschte Effekte: So fühlten sich einige Testpersonen in der Gruppe mit Dimenhydrinat schläfrig oder müde. Das war auch mit Scopolamin der Fall, nicht aber mit Placebo [2].
Dimenhydrinat macht müde
Der fragliche Wirkstoff Dimenhydrinat ist relativ alt: In Österreich und Deutschland sind Medikamente mit Dimenhydrinat seit den 1950er Jahren auf dem Markt.
Nach der Einnahme zerfällt Dimenhydrinat rasch u.a. in Diphenhydramin. Diese Substanz macht müde. Da Reiseübelkeit laut Theorie durch widersprüchliche Reize im Gehirn entsteht, sollen sich die Beschwerden durch die dämpfende Wirkung lindern lassen.
Widersprüchliche Eindrücke
Das Gehirn verarbeitet Reize des Auges und des Gleichgewichtssinns und setzt sie miteinander in Beziehung. In manchen Situationen passen diese Eindrücke nicht zueinander: Sitzt man etwa auf einem schwankenden Schiff und schaut zu Boden, nimmt das Auge meist keine Reize wahr, die auf Bewegung hindeuten. Gleichzeitig meldet aber das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, dass sich der Körper bewegt. Die Reiseübelkeit, auch Reisekrankheit oder Kinetose genannt, ist also eine Reaktion auf widersprüchliche Sinneseindrücke.
In Folge können die klassischen Symptome entstehen: Schwindel, Übelkeit, Speichel sammelt sich im Mund. Manche Betroffene schwitzen oder erbrechen. Unter welchen Umständen die Probleme auftreten und wie stark die Beschwerden ausfallen, ist individuell sehr unterschiedlich [3].
Weitere Recherchen
Wir haben bereits zu Ingwer und Vitamin C als vermeintliche Mittel gegen Übelkeit recherchiert.