Coenzym Q10: Hilfe bei Muskelschmerzen?

Cholesterinsenker (Statine) sollen Muskelschmerzen verursachen, Coenzym Q10 soll dagegen helfen. Stimmt wahrscheinlich nicht, zeigt unser Faktencheck.

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Hilft Coenzym Q10 spürbar gegen Muskelschmerzen durch Statine?

In bisherigen Studien zeigte sich insgesamt kein spürbarer Effekt von Coenzym Q10 auf Muskelschmerzen. Eine kleine Restunsicherheit bleibt allerdings bestehen, denn vollkommen einig sind sich die Studienergebnisse nicht. Außerdem fraglich: Ob geschlucktes Coenzym Q10 überhaupt dort ankommt, wo es wirken soll – im Muskel.

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Älterer Mann beim Dehnen im Park. Wie häufig Statine Muskelschmerzen verursachen, ist unklar.
©Photodjo-istock

Statine sind Medikamente gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel und gehören zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Manche stehen den Statinen skeptisch gegenüber. Denn die Medikamente können Muskelschmerzen verursachen.

Doch es soll auch ein Gegenmittel geben: Coenzym Q10. Das kommt natürlicherweise in Muskelzellen vor und ist an der Energieproduktion unserer Zellen beteiligt. Als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen soll Coenzym Q10 angeblich die schädlichen Effekte der Statine im Muskel aufheben und so Schmerzen lindern und vorbeugen.

Billig ist das Nahrungsergänzungsmittel nicht – aber wer Schmerzen hat, ist mitunter bereit, viel Geld zu bezahlen. Ist es auch gut investiert? Kann Coenzym Q10 tatsächlich helfen? Und verursachen Statine eigentlich wirklich so häufig Muskelschmerzen? Wir haben uns für diesen Faktencheck auf die Suche nach Antworten aus der Wissenschaft gemacht.

Q10 hilft vermutlich nicht bei Muskelschmerzen

Laut bisheriger Studien können sich Betroffene das Geld für Coenzym-Q10 wahrscheinlich sparen: Die zusammengefassten Ergebnisse von neun klinischen Studien ergaben, dass das Nahrungsergänzungsmittel bei Statin-bedingten Schmerzen keine spürbare Hilfe ist [Quellen 1-3].

Denn im Großteil der Studien hatte Coenzym Q10 keinen Effekt auf die Muskelschmerzen. Weil es allerdings in zwei dieser neun Studien doch zu helfen schien und die Studien allesamt sehr unterschiedlich sind, bleibt eine Restunsicherheit bestehen.

Generell gibt es keine gesicherten wissenschaftlichen Belege für gesundheitliche Vorteile von Nahrungsergänzungsmitteln mit Coenzym Q10 bei gesunden Menschen. Auch ein Q10-Mangel ist in der Medizin nicht bekannt [Quelle 10].

Coenzym-Q10: Vom Magen in den Muskel?

In einer der Studien gingen die Forscherinnen und Forscher zusätzlich einer anderen interessanten Frage nach: Sie wollten nicht nur wissen, ob Coenzym-Q10 Muskelschmerzen bessert, sondern auch ob das Q10, das die Teilnehmenden schluckten, überhaupt dort ankam, wo es wirken sollte – nämlich im Muskel [Quelle 3].

Sie gaben also einer Hälfte der Teilnehmenden Coenzym Q10, der anderen Hälfte ein Scheinmedikament (Placebo). Im Anschluss entnahmen die Forschenden Gewebeproben (Biopsien) aus einem Muskel der Teilnehmenden.

Das Ergebnis: Ob Coenzym-Q10 geschluckt worden war oder nicht, war im Muskel nicht sichtbar – nichts hatte sich verändert. Das Coenzym Q10 schien es aus dem Verdauungstrakt zwar ins Blut, aber nicht in den Muskel geschafft zu haben.

Muskelschmerzen durch Statine: Wie groß ist das Problem?

Anbieter von Coenzym-Q10-Mittel werben mit einem Schutz vor den angeblich so häufigen Muskelschmerzen durch Statine – aber wie häufig sind die überhaupt? Statine können, wie alle Medikamente, Nebenwirkungen haben. Im Beipacktext werden unter anderem Muskelschmerzen genannt.

In einer umfangreichen Übersichtsarbeit wurde zusammengefasst, wie oft Teilnehmende in Statin-Studien Schmerzen hatten [Quelle 4]. Unter jenen, die kein Statin, sondern ein Scheinmedikament (Placebo) einnahmen, berichteten etwa 26 von 100 von Muskelschmerzen. Unter jenen, die das echte Statin nahmen, waren es 27 von 100. Das bedeutet, bei rund 1 von 100 Menschen schienen die Schmerzen tatsächlich von den Statinen zu kommen.

Ein Manko: Viele der Studien und Übersichtsarbeiten, die Statine erforschen, sind von Pharmafirmen finanziert und haben Lücken. Die Firmen möchten selbstverständlich, dass ihre Medikamente möglichst gut dastehen. Doch die Ergebnisse scheinen der Erfahrung von Betroffenen und ihren Ärztinnen und Ärzten mitunter deutlich zu widersprechen. Ob auf die verfügbaren Studienergebnisse also vollkommen Verlass ist, ist unklar. [Quellen 4 und 8]

Nocebo-Effekt: Wenn Befürchtungen wahr werden

Was uns die Studien jedenfalls zeigen: Muskelschmerzen dürften generell viele Menschen betreffen – egal ob mit oder ohne Statine. Möglicherweise haben Menschen, die Statine einnehmen, auch schon einmal von den drohenden Nebenwirkungen gehört und vermuten dann eher die Medikamente als Ursache ihrer Schmerzen.

Man spricht in diesem Fall auch vom sogenannten Nocebo-Effekt, dem umgekehrten Placebo-Effekt. Während beim Placebo-Effekt schon die Hoffnung auf eine Wirksamkeit die Beschwerden bessert, ist es beim Nocebo-Effekt die Angst vor Nebenwirkungen, die dazu führt, dass wir ebendiese Nebenwirkungen zu spüren glauben.

Wie sicher sind Statine?

Statine gelten als sicher und gut verträglich. In manchen Fällen können sie den Blutzucker leicht erhöhen. Sehr selten ist eine schwere Nebenwirkung, nämlich die tatsächliche Schädigung von Muskelgewebe. Diese Nebenwirkung betraf in Studien 1 von 10.000 Menschen, die Statine über ein Jahr einnahmen [Quelle 5].

Wer braucht Statine?

Statine senken einen erhöhten Cholesterinspiegel und können so das Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle etwas verringern. Wie groß dieser Schutzeffekt ist, hängt aber vor allem vom persönlichen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Wer zum Beispiel neben dem hohen Cholesterin auch noch einen hohen Blutdruck hat und raucht, dessen Herzinfarktrisiko ist erhöht. Statine sind in diesem Fall sinnvoller als bei jemandem, der außer einem erhöhten Cholesterin keinerlei Risikofaktoren hat. Gibt es außer dem hohen Cholesterin keinerlei Risikofaktoren, senken Statine das Herz-Kreislauf-Risiko in keinem relevanten Ausmaß. Unklar ist, ob ältere Menschen über 75 Jahren von Statinen profitieren. Dazu sind sich Fachleute nicht einig. [Quellen 5,7,9]

Eine anschauliche Hilfe, um das eigene Herz-Kreislaufrisiko und damit auch den potenziellen Nutzen von Statinen abzuschätzen, bietet das deutsche Portal Gesundheitsinformation.de.

Hat Coenzym Q10 Nebenwirkungen?

Ob Nahrungsergänzungsmittel mit Coenzym Q10 unerwünschte Nebenwirkungen haben können, wurde bisher nur wenig untersucht. Zu den berichteten Nebenwirkungen zählen Übelkeit und Sodbrennen, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schlafstörungen, Bauchschmerzen und – bei hohen Dosen Coenzym Q10 – Verschlechterung der Leberwerte [Quelle 6]. Wie häufig diese Beschwerden vorkommen, ist allerdings nicht ausreichend erforscht.

Die Studien im Detail

Nach welchen Studien haben wir gesucht?

Für unseren Faktencheck interessierten uns Studien, in denen Menschen, die Statine einnehmen und Muskelschmerzen haben, per Los auf zwei Gruppen aufgeteilt wurden: Die eine Hälfte schluckte anschließend täglich Coenzym Q10, die andere ein gleich aussehendes Scheinmittel, ein Placebo. Um zu verhindern, dass der Placebo-Effekt das Ergebnis verzerrt, sollten weder die Teilnehmenden noch das Forschungsteam wissen, wer das echte und wer das Scheinmittel bekam. Nach einiger Zeit wurde verglichen: In welcher Gruppe hatten sich die Muskelschmerzen durchschnittlich mehr gebessert?

Solche Studien nennt man doppelt verblindete randomisiert-kontrollierte Studien. Sie sind die beste Art, die Wirksamkeit einer Behandlung zu überprüfen.

Wir fanden eine Übersichtsarbeit, die alle bisherigen Studien dieser Art zusammenfasst [Quelle 1]. Außerdem fanden wir auch zwei neuere Studien, die in der Übersichtsarbeit noch nicht vorkommen [Quellen 2 und 3]. Insgesamt haben an den Studien 456 Menschen teilgenommen. Wir rechneten die Ergebnisse aller Studien in einer sogenannten Meta-Analyse zusammen – zogen also ein Gesamt-Fazit daraus.

Dabei zeigte sich: Das Coenzym Q10 besserte die Schmerzen nicht mehr als das Placebo.

Wie aussagekräftig sind die Studien?

Obwohl das Ergebnis relativ eindeutig ist, bleibt eine kleine Unsicherheit bestehen. Die Ergebnisse der einzelnen Studien fallen teilweise doch unterschiedlich aus, sie sind sich also nicht ganz einig. Warum das so ist, bleibt unklar. Außerdem waren die einzelnen Studien sehr unterschiedlich durchgeführt worden. Zum einen nahmen die Teilnehmenden unterschiedliche Arten von Statinen ein, zum anderen waren die verwendeten Coenzym-Q10-Dosierungen sehr unterschiedlich und lagen je nach Studie zwischen 100 und 600 Milligramm. („Hochdosierte“ Präparate bekannter Marken enthalten üblicherweise zwischen 100 und 200 Milligramm Coenzym Q10.) Auch die Studien-Dauer variierte und lag zwischen 1 und 3 Monaten. Das macht es etwas schwieriger, die Ergebnisse zusammenzufassen.

[1] Kennedy et al. (2020) Effect of Coenzyme Q10 on statin-associated myalgia and adherence to statin therapy: A systematic review and meta-analysis. Atherosclerosis, 299:1-8
(Link zur Übersichtsarbeit)

[2] Derosa et al. (2019) Coenzyme q10 liquid supplementation in dyslipidemic subjects with statin-related clinical symptoms: a double-blind, randomized, placebo-controlled study. Drug Des Devel Ther 2019;13: 3647-3655
(Link zur Studie)

[3] Dohlmann, TL. Et al. (2022). Coenzyme Q10 Supplementation in Statin Treated Patients: A Double-Blinded Randomized Placebo-Controlled Trial. Antioxidants (Basel).;11(9):1698. (Link zur Studie)

[4] Reith, C., et al. (2022). Effect of statin therapy on muscle symptoms: an individual participant data meta-analysis of large-scale, randomised, double-blind trials. The Lancet, 400(10355), 832-845. (Link zur Studie)

[5] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2025)

Welche Nebenwirkungen haben Statine? Abgerufen am 2.2.2026 unter gesundheitsinformation.de

[6] National Cancer Institut (NCI) (2024)

Abgerufen am 4.2.2026 unter cancer.gov

[7] Byrne, P., et al. (2022). Evaluating the association between low-density lipoprotein cholesterol reduction and relative and absolute effects of statin treatment: a systematic review and meta-analysis. JAMA internal medicine, 182(5), 474-481. (Link zur Studie)

[8] UpToDate (2021)

Abgerufen am 18.2.2026 unter Statin muscle-related adverse events. (Kostenpflichtiger Zugang)

[9] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2025)

Wann sind Statine sinnvoll? Abgerufen am 18.2.2026 unter gesundheitsinformation.de

[10] Deutsche Verbraucherzentrale (2025)

Coenzym Q10-Produkte – ist ein Nutzen wirklich bewiesen? Abgerufen am 23.2.2026 unter verbraucherzentrale.de

  • 5.10.2021: Erste Veröffentlichung des Faktenchecks. Das Ergebnis: Wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit fehlen.
  • 27.2.2026: Eine Aktualisierung und Neubewertung der Studienergebnisse ändert unsere Einschätzung. Nun sind wir uns sicherer, dass Coenzym Q10 bei Muskelschmerzen durch Statine wirkungslos ist.

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