Mit Hibiskus gegen hohen Blutdruck?

Hibiskus als Alternative zum Blutdruck-Medikament? Ob er bei Menschen mit zu hohem Blutdruck wirkt, ist unzureichend erforscht.

AutorIn:
Review:  Bernd Kerschner 

Kann Hibiskus (als Nahrungsergänzungsmittel oder Tee) bei zu hohem Blutdruck (Hypertonie) helfen?

Dass Hibiskus als Nahrungsergänzungsmittel oder Tee den Blutdruck von Menschen mit Hypertonie senken kann, ist nicht belegt. Aussagekräftige Studien gibt es nicht.

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© Manki Kim - Unsplash Hibiskus-Tee: Nicht nur entspannend, sondern auch blutdrucksenkend?
© Manki Kim – Unsplash

Es ist so eine Sache mit dem Blutdruck: Bei sehr vielen Menschen ist er zu hoch. Weh tut hoher Blutdruck nicht, die meisten Menschen spüren nicht einmal etwas davon. Und trotzdem kann er gefährlich werden. Dann nämlich, wenn er auf Dauer die Gefäße und das Herz schädigt. Damit steigt das Risiko für Herzschwäche, Herzinfarkt und Schlaganfall im Alter an [4,5]. In der Fachsprache heißt Bluthochdruck auch Hypertonie.

Hibiskus-Stoffe: ähnliche Wirkung wie Blutdruckmedikamente?

Die Vorstellung, jeden Tag Medikamente zu schlucken, behagt vielen nicht. So suchen auch Menschen mit zu hohem Blutdruck oft nach pflanzlichen Alternativen zu Blutdruck-Medikamenten. Eine dieser Alternative soll Hibiskus (Hibiscus sabdariffa) sein.

Ihre hübsche Färbung verdanken die Hibiskus-Blüten den sogenannten Anthocyanen. Diese Pflanzenstoffe sollen eine ähnliche Wirkung im Körper haben wie ein oft verschriebener Medikamentenwirkstoff gegen Bluthochdruck – der ACE-Hemmer [1].

Entweder als Tee getrunken oder auch als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform geschluckt soll Hibiskus den Blutdruck „natürlich regulieren“ und so Medikamente ergänzen oder sogar ganz ersetzen können. Ein Leser wollte von uns wissen, ob das denn wissenschaftlich belegt ist.

Keine Belege für Hibiskus gegen Bluthochdruck

Unsere Recherche sagt: eher nicht. Wir haben nach Studien gesucht, an denen Menschen teilgenommen haben, deren Blutdruck deutlich erhöht war. Das heißt Menschen mit Blutdruckwerten von 140/90 mmHg oder mehr [5]. Gefunden haben wir zwei kleine Studien [2,3].

Die Autorinnen und Autoren der ersten Studie wollen eine Blutdruck-senkende Wirkung gezeigt haben. Doch die mangelhaften Studiendaten lassen diese Schlussfolgerung nicht zu. In der zweiten Studie sprechen die Autorinnen und Autoren ebenfalls von einem Blutdruck-senkenden Effekt durch ein Hibiskus-Präparat [3]. Konkrete Zahlen nennen sie aber nicht.

Beide Studien haben grobe Mängel (mehr dazu in Studien im Detail). Ihre Aussagekraft ist deshalb äußerst gering.

Zur Wirksamkeit von Hibiskus-Tee fanden wir keine geeigneten Studien.

Wirksamkeit nicht ausgeschlossen – aber unerforscht

Das bedeutet natürlich nicht, dass Hibiskus nicht wirkt. Es wäre denkbar, dass er als Ergänzung zu anderen Maßnahmen wie Salz-armer Ernährung und Bewegung helfen kann, den Blutdruck in den Griff zu bekommen. Wir wissen es aber nicht. Dazu sind bessere Studien notwendig.

Selbst wenn Hibiskus den Blutdruck senken kann, bleibt zudem eine wesentliche Frage offen: Ob die eventuelle Blutdrucksenkung ausreichend groß wäre, um auch das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall sinken zu lassen.

Bluthochdruck: Was man selbst tun kann

In Österreich hat rund ein Viertel der Menschen einen dauerhaft zu hohen Blutdruck. Unter den Älteren dürfte es sogar die Hälfte sein [6]. Von Bluthochdruck oder Hypertonie spricht man, wenn der Blutdruck dauerhaft bei mindestens 140/90 mmHg liegt [5]. Der optimale Blutdruck sollte nicht mehr als 120/80 mmHg betragen – darauf haben sich Fachleute geeinigt [5]. Zu hoher Blutdruck schädigt auf Dauer die Arterien und erhöht das Risiko für Erkrankungen wie Herzschwäche (Herzinsuffizienz), Nierenschäden und Schlaganfall [4].

Nicht immer sind Medikamente notwendig. Besonders nur leicht erhöhter Blutdruck lässt sich meist gut mit anderen Maßnahmen behandeln [7]. Betroffene können selbst etwas gegen ihren hohen Blutdruck tun, indem sie

  • bei Übergewicht abnehmen
  • mit dem Rauchen aufhören
  • sich Salz-arm ernähren
  • Sport machen
  • oder Entspannungs-Möglichkeiten finden. Denn auch permanenter Stress kann den Blutdruck in die Höhe treiben.

Sollten diese Maßnahmen nicht ausreichen, kommen Medikamente wie etwa ACE-Hemmer infrage [7]. Mehr wissenschaftlich fundierte Informationen zu Bluthochdruck gibt es auf Gesundheitsinformation.de.

Keine Beschwerden, kein Problem?

Vielleicht auch weil er keine unmittelbaren Beschwerden verursacht, scheuen sich manche Menschen mit Bluthochdruck davor, Medikamente einzunehmen oder ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten zu ändern. Sie suchen dann womöglich nach pflanzlichen Alternativen aus der Natur. Deren Wirksamkeit ist allerdings nicht immer wissenschaftlich belegt: In anderen Beiträgen haben wir bereits zu Knoblauch, Granatapfel und Olivenblättern gegen Bluthochdruck recherchiert.

Mehr wissen

Mehr verlässlich Informationen zum Blutdruck und wie Sie ihn am besten messen, finden Sie auf Gesundheitsinformation.de.

Dort finden Sie außerdem gesicherte Infos zu Medikamenten gegen Bluthochdruck sowie zu Behandlungsmöglichkeiten ohne Medikamente.

Die Studien im Detail

Welche Studien haben wir berücksichtigt?

Wir haben nach Studien gesucht, an denen Menschen mit Bluthochdruck teilgenommen haben, also Menschen mit einem Blutdruck von mehr als 140/90 mmHg. Um verlässlich zu überprüfen, ob Hibiskus ihren Blutdruck senken kann, sollten die Teilnehmenden per Zufall in zwei Gruppen eingeteilt werden: Die eine Gruppe nimmt Hibiskus ein, die andere ein gleich aussehendes Placebo. Weder die Teilnehmenden noch die Forschenden sollten wissen, wer welcher Gruppe angehört. Am Ende wird verglichen: Haben sich die Blutdruck-Werte in einer der Gruppen stärker verbessert als in der anderen? Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, sollte die Studie über längere Zeit laufen.

Wie aussagekräftig sind die Studien?

Wir fanden eine aktuelle Übersichtsarbeit [1], die sämtliche solcher Studien zusammenfassen wollte. Gefunden haben die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit allerdings nur eine einzige Studie [2]. Bei unserer eigenen Recherche fanden wir eine weitere Studie, die in der Übersichtsarbeit noch nicht enthalten ist [3]. Unsere Einschätzung stützt sich somit auf zwei Studien, mit jeweils 52 und 61 Teilnehmenden.

In der ersten Studie bekamen Personen mit zu hohem Blutdruck 8 Wochen lang entweder Kapseln mit Hibiskus-Extrakt oder ein Placebo. Am Ende hatte sich in der Hibiskus-Gruppe der Blutdruck zwar scheinbar etwas mehr gebessert als in der Placebo-Gruppe. Die Studie hat allerdings ein paar grobe Schwachstellen:

  • Die Blutdruck-Unterschiede zwischen den beiden Gruppen am Ende der Studie waren statistisch nicht signifikant. Das bedeutet, dass sie auch durch Zufall zustande gekommen sein könnten.
  • Die Teilnehmenden der beiden Gruppen hatten zu Beginn der Studie nicht dieselben Voraussetzungen. Die Hibiskus-Gruppe hatte durchschnittlich höhere Blutdruckwerte als die Placebo-Gruppe. Das macht die Gruppen weniger gut vergleichbar und kann die Ergebnisse verzerrt haben.
  • Die Studie war mit 52 Teilnehmenden zu klein, um verlässliche Ergebnisse liefern zu können.
  • Aus der Hibiskus-Gruppe haben mehr Teilnehmende (20 Prozent) die Studie frühzeitig verlassen als aus der Placebo-Gruppe (7 Prozent). Eine Erklärung für diesen Unterschied liefert das Studienteam nicht. Es könnte sein, dass vermehrte Nebenwirkungen in der Hibiskus-Gruppe der Grund dafür waren.
  • Über die Nebenwirkungen wurde in der Studie allerdings nicht berichtet. Ob das von Anfang an so geplant war, ist unklar. Denn ein Studienprotokoll wurde vorab nicht veröffentlicht. Ein weiteres wichtiges Kriterium für transparentes Arbeiten ist somit nicht erfüllt.

Die zweite Studie war ähnlich aufgebaut. Auch sie hat grobe Mängel:

  • Es ist unklar, ob die Zuteilung zur Hibiskus- und Placebo-Gruppe zufällig war. Das kann das Ergebnis verzerren.
  • Wir wissen nicht, wie hoch der Blutdruck der Teilnehmenden zu Beginn und am Ende der Studie war. Denn konkrete Zahlen nennt das Studienteam nicht. Es ist lediglich von einer blutdrucksenkenden Wirkung des Hibiskus-Präparates die Rede. Wenn derart wichtige Angaben fehlen, macht das die Studie wenig vertrauenserweckend.
  • Mit 61 Teilnehmenden war die Studie ebenfalls zu klein für aussagekräftige Ergebnisse.

[1] Pattanittum u.a. (2021)
Pattanittum, P., Ngamjarus, C., Buttramee, F., & Somboonporn, C. (2021). Roselle for hypertension in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, (11). (Studie in voller Länge)

[2] Sarbini u.a. (2019)
Sarbini, D. W. I., Huriyati, E. M. Y., Sadewa, H., & Wahyuningsih, M. S. H. (2019). The effect of rosella (Hibiscus sabdariffa linn) on insulin resistance in patients with type 2 diabetes mellitus: A randomized clinical trial. (Studie in voller Länge)

[3] Izadi u.a. (2020)
Izadi, F., Farrokhzad, A., Tamizifar, B., Tarrahi, M. J., & Entezari, M. H. (2021). Effect of sour tea supplementation on liver enzymes, lipid profile, blood pressure, and antioxidant status in patients with non‐alcoholic fatty liver disease: A double‐blind randomized controlled clinical trial. Phytotherapy Research, 35(1), 477-485. (Studie in voller Länge)

[4] Gesundheitsinformation.de (2019)
Bluthochdruck (Hypertonie). Abgerufen am 8.11.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

[5] WHO (2021)
Abgerufen am 8.11.2022 unter www.who.int

[6] Gesundheit.gv.at
Abgerufen am 8.11.2022 unter www.gesundheit.gv.at

[7] Gesundheitsinformation.de (2019)
Mit welchen Medikamenten wird Bluthochdruck behandelt? Abgerufen am 8.11.2022 unter www.gesundheitsinformation.de

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