Benzodiazepine und chemisch verwandte Substanzen werden meist als Beruhigungsmittel, manchmal auch als Schlafmittel eingesetzt. Zu den bekannten Vertretern gehören etwa Diazepam (Valium®), Lorazepam (Temesta®) oder Triazolam (Halcion®). Es ist bekannt, dass diese Mittel kurzfristig das Gedächtnis stören und die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können. Nach Absetzen der Medikamente gehen diese Probleme aber in der Regel wieder zurück [6]. Wesentlich bedenklicher ist aber ein weiterer Verdacht: Dass die Mittel langfristig das Risiko für Alzheimer oder andere Arten von Demenz erhöhen könnten.
Risiko für Alzheimer bleibt unklar
Diesem Verdacht sind bisher schon etliche Forschungsteams nachgegangen. Die aktuellste Übersichtsarbeit die wir finden konnten [1] fasst die Ergebnisse von 33 einzelnen Studien zusammen: Personen, die regelmäßig Beruhigung- oder Schlafmittel einnahmen, scheinen auf den ersten Blick etwas häufiger an Demenz zu erkranken – auch wenn sich dieser Zusammenhang nicht in allen der Studien zeigte.
Doch heißt das nun, dass Beruhigungsmittel tatsächlich Demenz verursachen? Oder sind Menschen, die später an Demenz erkranken, eher von Schlafstörungen, Unruhe oder Ängsten betroffen – und greifen deshalb zu Beruhigungs- oder Schlafmitteln? Womöglich könnten auch nicht die Medikamente, sondern die Schlafstörungen selbst zur Entstehung von Demenz beitragen. In beiden Fällen würde man aber in Beobachtungsstudien einen Zusammenhang beobachten.
Was war zuerst da: Schlaflosigkeit oder Demenz?
Auch das Forschungsteam hinter der Übersichtsarbeit [1] betrachtet das Ergebnis mit größter Vorsicht: Denn eine Demenzerkrankung wie Alzheimer entwickelt sich üblicherweise über einen sehr langen Zeitraum. In einem sehr frühen Stadium macht sich die Erkrankung meist durch andere Symptome als Gedächtnisstörungen bemerkbar. Oft gehört dazu Schlaflosigkeit und Unruhe. Werden diese Probleme mit Beruhigungsmitteln behandelt, entsteht ein scheinbarer Zusammenhang zwischen der Einnahme und der Demenz, obwohl die Mittel nicht die Ursache für die Erkrankung sind.
Um diesen Effekt etwas auszugleichen, fasste das Forschungsteam in einer separaten Analyse nur jene Studien zusammen, in denen zwischen der Beruhigungsmittel-Einnahme und der Diagnose Demenz eine gewisse Zeit vergangen war. So wollten sie ausschließen, dass die Teilnehmenden die Beruhigungsmittel aufgrund der Symptome einer bereits beginnenden Demenz einnahmen. Und siehe da: Der zuvor gefundene Zusammenhang war verschwunden.
Beruhigungsmittel und Demenz: Für immer ungelöst?
Das könnte zumindest ein Hinweis darauf sein, dass nicht die Beruhigungsmittel Auslöser für die Demenz waren. Eindeutig zerstreuen lässt sich der Verdacht dadurch jedoch nicht, dass Benzodiazepine und ähnliche Substanzen die Entstehung von Demenz fördern könnten.
Das ließe sich nur mit sogenannten randomisierten kontrollierten Studien eindeutig klären. Dabei wird bereits vor Studienbeginn ausgelost, welche der teilnehmenden Personen Beruhigungsmittel bekommen werden und welche nicht.
Doch solche Studien werden wir für diese Fragestellung voraussichtlich nicht bekommen. Denn diese müssten über sehr lange Zeit laufen. Es wäre zudem kaum vertretbar, Menschen, die Beruhigungsmittel benötigen, diese so lange Zeit vorzuenthalten.
Angstlöser und Schlafmittel
Benzodiazepine sorgen im Gehirn dafür, dass Impulse der Nervenzellen weniger stark weitergeleitet werden – sie wirken ähnlich einem Filter. Das dämpft die Wahrnehmung von Gefühlen und Eindrücken, weshalb Benzodiazepine beruhigend, angstlösend und schlaffördernd wirken. Ähnlich wirken auch chemisch verwandte Beruhigungsmittel wie Zolpidem (Zoldem®), die als „Z-Substanzen“ bezeichnet werden.
Die Mittel dämpfen auch die Aktivität von Hirnbereichen, die für das Gedächtnis zuständig sind – daher die Vermutung, die langfristige Einnahme der Mittel könnte Gedächtnisprobleme verursachen.
Auch abseits der Demenz haben Benzodiazepine und ähnliche Substanzen gewisse Risiken: Sie können auf Dauer abhängig machen, weshalb sie nur vorrübergehend zum Einsatz kommen sollten. Besonders bei älteren Patienten begünstigen sie Tagesmüdigkeit und Verwirrtheit und damit auch Stürze und Unfälle [3]. Deshalb ist es wichtig, dass Arzt oder Ärztin gemeinsam mit der betroffenen Person gut abwägt, ob tatsächlich ein Benzodiazepin notwendig ist, oder ob es nicht Alternativen gibt [2].
Geistig und körperlich Aktivsein schützt
Das Risiko für Demenz nimmt mit steigendem Alter zu. Im Alter von über 85 Jahren sind geschätzt 6 bis 8 von 100 Menschen von Demenz betroffen [5]. Es gibt verschiedene Formen der Demenz, die mit Abstand häufigste ist die Alzheimer-Demenz [4]. Wie genau es zu der Erkrankung kommt, ist noch nicht vollständig klar. Ein Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn und Ablagerungen zwischen den Nervenzellen dürften eine Rolle spielen. Diabetes, hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Depression, Schwerhörigkeit und Einsamkeit erhöhen wahrscheinlich das Demenz-Risiko. Menschen, die sich geistig und körperlich betätigen und sozial aktiv sind, dürften dagegen weniger häufig an Demenz erkranken [4].
Mythen rund um die Demenz
Rund um das Thema Demenz haben wir bereits einige Beiträge veröffentlicht.
Wie zum Beispiel zum Gerücht, Menschen mit der Blutgruppe AB hätten ein höheres Demenz-Risiko. Das ist wahrscheinlich falsch, wie wir in diesem Beitrag bereits herausgefunden haben.
Die Behauptung, Organgensaft oder Kurkuma würden vor Demenz schützen, ist zumindest nicht belegt.
Entwarnung gibt es möglicherweise für passionierte Kaffeetrinker: Wir fanden vorsichtige Hinweise auf einen Demenz-Schutz durch Kaffee.
Ausführliche und wissenschaftlich fundierte Informationen zur Demenz gibt es außerdem bei Gesundheitsinformation.de.